Wechselwetter….

Um 9 Uhr lege ich in Stavoren ab. Vom Gemeindehafen ist es nur ein kurzes Stück auf die Einfädelspur für Sportboote zur Schleuse. Ob das Ansteigen des Puls vor der Schleuse irgendwann mal nachlässt ? Die Ampel zeigt Rot, so dass ich mehr oder weniger lässig meine Achterleine um die Klampe der Wartezone werfe. Leichter Schub voraus, so soll sich eigentlich der Bug wie von selbst an die Kaimauer schmiegen. Eigentlich ! Also doch das Bugstrahlruder zu Hilfe nehmen. Während ich noch so mit mir und dem Boot beschäftigt bin, nähert sich von hinten ein Motorboot und die Ampel springt um. Es kommt wie es kommen musste, die Achterleine bekomme ich nicht gelöst und ich stehe fast quer in der Fahrspur….Mist !
In der Schleuse läuft dann alles glatt und kurz danach habe ich den Vorhafen auf der Ijsselmeerseite erreicht. Nach den Erfahrungen des letztes Jahres will ich diesmal dort im ruhigen Wasser alles klar machen. Inklusive Segelsetzen. Um die Zeit ist es leer dort, so dass ich mit Zeit und Ruhe meinen Plan umsetze.

Und auf geht’s Kurs nach…..ja wohin eigentlich ? Keine Ahnung. Mindestens Enkhuizen, wenn alles passt auch weiter. Leider passt der Wind wieder mal gar nicht zu meinen Ideen. Der passt zu Urk. Aber es ist Sonntag, da ist der Urker eher in der Kirche..die Stadt ist leer.

Also doch noch eine Wende und ab nach Enkuizen. Da gibt es gutes WLAN, so dass ich per Livestream noch das Finale der 2. Fussball Bundesliga hören kann.

Dann habe ich mein wohl bestes Anlegemanöver Einhand ever gefahren. Rückwärts rein.  Vorleinen beide beim Reinfahren übergeworfen. Hinten punktgenau aufgestoppt. Neben mir ein lesender muffeliger Segler der Marke „ich habe ein Boot weil man drauf sitzen kann“ guckte als ob er beleidigt ist, dass ihm ein lustiger Crash entgangen ist 😂. Manchmal passt es eben…

Der nächste Morgen beginnt vielversprechend. Der in der Nacht aufgekommene Wind ist noch da und es begrüßt mich strahlender Sonnenschein. Drei unterschiedliche Wetterdienste behaupten unabhängig voneinander, dass wir zwischen 3 und 5 Bft. bekommen. Also schnell gefrühstückt und los.

Kurz nach der Abfahrt die Ernüchterung: der Wind wird weniger. Egal, ich habe ja Zeit und will mal wieder nach Makkum. Der wenige Wind in Verbindung mit einem heftigen Schwell direkt von der Seite macht es auf dem Boot eher unangenehm. Als der Wind weiter nachlässt entscheide ich in der Mitte eines Dreiecks Enkhuizen – Stavoren – Lemmer den Kurs doch nach Medemblik zu ändern. Blöde Idee ! 5 Knoten Wind von achtern bei 5 Knoten Fahrt machen Windstille. Sofort nutzen massenweise fliegende Lebewesen der 10 mm Klasse die Situation aus und lassen sich auf dem Boot und mir nieder. Nach 5 Minuten reicht es mir und ich drehe das Boot um 180°. Also auf nach Lemmer in der Hoffnung  dass die Richtung 10 Knoten Fahrtwind ergibt und die blinden Passagiere keine Lust mehr haben. Falsch gedacht. Es gibt genug windgeschützte Ecken auf dem Boot und sie bleiben mir alle erhalten. Mit dem Wind ist mittlerweile auf der Schwell gegangen, so dass ich genervt von den Mücken, Fliegen, etc. unter Motor Richtung Lemmer tuckere.

Am folgenden Tag bin ich mir (unabhängig) vom Wetterbericht sicher, dass es genug Wind gibt. So soll es dann auch kommen. Da macht es auch nix, dass er in die Bucht schräg reinbläst, denn das bringt die geografische Lage am Ostufer des Ijsselmeeres so mit sich. 4-5 machen Spaß. Da stören auch die Windräder, die bis Urk meine Begleiter sein werden, etwas weniger. Trotzdem: schön ist was anderes. Das ist wohl der Preis für Strom aus natürlichen Quellen.

Die Fahrt nach Urk verläuft prima. Ich finde noch einen günstig gelegenen Liegeplatz neben einem älteren Niederländer, der mir später erzählte, dass er immer Angst um sein Boot hat, wenn jemand neben ihm rückwärts einparkt. Zweimal wurde es schon dabei beschädigt. Verständlich, ist es doch eine wunderschöne und liebevoll gepflegte Koopmans. „Die hat der alte Koopmans 1981 noch gebaut“, erzählt er mir voller Stolz.

Abends gibt es dann Fisch aus der Urker Vishal, hatte ich schon lange nicht.

Morgen geht es nach Leystad um meine Crew zu vervollständigen.

Entspannung pur…

Die erste Etappe führt mich ins Sneeker Meer. Ich war mir sicher, dass ich die erste Nacht an einer Boje in der Natur verbringen möchte. Im Sneeker Meer angekommen, erinnere ich mich: die Boje und ich kennen uns aus dem vergangenen Jahr. Heftiger Wind und Regen sollen auch diesmal meine Begleiter sein. Zum Glück nimmt der Wind ab und der Himmel klart auch etwas auf. Nachdem auch der letzte Mofa-Fahrer vom nahen Campingplatz zur Ruhe findet ist der Sonnenuntergang ein schöner Vorbote auf den nächsten Tag.

Am nächsten Morgen begrüßt mich herrlicher Sonnenschein und ein langsam zunehmender Wind. Während des Frühstücks an Deck kann ich um kurz nach Sieben schon der ersten Regatta auf dem Sneeker Meer beiwohnen…die sind ja auch unerwartet früh dabei !

Wo es heute hingeht weiß ich immer noch nicht. Als ich um kurz nach Acht die Leinenverbindung zur Boje löse hat sich zumindest eine grobe Richtung ergeben: Stavoren ! Auf dem Weg dorthin könnte sich auf dem Heeger Meer eine Chance ergeben, den Segelwind bei schönem Sonnenschein zu nutzen. Am Abzweig nach Sneek entscheide ich spontan, nicht den kurzen Weg über Uitwelleringerga zu nehmen, sondern durch Sneek zu fahren. Sind zwar einige Brücken mehr, doch ich mag die kleine Stadt mit dem Waterpoort.

Kurz vor den ersten Wohnblocks fällt mir von weitem ein großen Motorboot auf, dass sich anders als andere verhält: es steht quer in der Fahrrinne. Beim  Näherkommen ruft mir der aufgeregte und parallel telefonierende ältere Skipper zu  dass sein Motor nicht geht. Okay, also gedreht, Leine am Heck für den Hahnepot vorbereitet. Leider dauerte es zu lange, bis der arme Skipper verstanden hat, dass er die Schleppleine nicht mit der Hand festhalten kann, sondern auf der Klampe belegen muss. Als ich Gas gebe, bewegt sich nix mehr. Er sitzt fest und mein Motor war ist zu schwach. Im selben Moment eilt ein größeres Plattbodenschiff, eine Skuitsje, zu Hilfe. Wir können die Schleppleine direkt übergeben. Alles ist gut.

An der zweiten der drei Brücken in der der Sneeker Innenstadt wird die Wartezeit heute erheblich verlängert: eine schier endlose Karawane von Oldtimern italienischer Herkunft, die sich in Sneek gerade treffen,  hat natürlich Vorfahrt. Nicht einfach, dass Boot in dem engen Kanal nicht an die Kaimauer treiben zu lassen. Aber die fröhlichen und winkenden Menschen in den schönen Autos entschädigen.

Nach dem Passieren der letzten Brücke am Waterpoort, dem von der Marke Gaastra bekannten Wassertor, geht es direkt weiter zur  malerischen Mühle in Ijlst und dann nach Heeg.

Auf dem Heeger Meer herrscht viel Betrieb. Für Segler ist es einfach ein Traumtag mit Wind um 4 Bft und blauem Himmel. Da ist es auch nicht schlimm, dass der Wind genau von dort kommt, wo ich hin will. Dafür haben die Ahnen ja die Kreuz erfunden.

So kreuze ich Schlag um Schlag durch das Heeger Meer und Flüessen bis zum  nächsten Kanal. Die Brücke in Warns öffnet sich später quasi schon bei der Annäherung ohne Wartezeit. Genial !

Um zwei Uhr mache ich im Gemeindehafen von Stavoren fest. Auch hier ist es einfach schön. Morgen ? Keine Ahnung…ich werde es sehen…

Gespannte Freude.

Gute 8 Monate sind seit der letzten Tour in Friesland vergangen, 10 seit der ersten Einhand-Tour. Morgen geht es wieder los. Wie letztes Mal spüre ich eine gespannte Unruhe. Wie werden Wind und Wetter ? Wie die Anlegemanöver und das Schleusen ? Eine Routine wird sich wohl nie einstellen. Jede Situation ist anders, aber hinterher ist es meist eine tolle Erfahrung gewesen.

Anders als im vergangenen Jahr habe ich keinen Törnplan bzw. Ziele wo ich hinmöchte. Nur ein Termin steht fest: Mittwoch muss ich in Lelystad sein um meine Crew an Bord zu nehmen. Und davor ? Mal was Neues probieren oder die schönsten Ziele der Vergangenheit ? Ich werde es sehen und kurzfristig Entscheiden oder mich einfach vom Gefühl treiben lassen.

Das erste Ziel wird mit ziemlicher Sicherheit eine Marekrite Boje sein…irgendwo in der scheinbaren Abgeschiedenheit. Heeger Meer oder Richtung Sneek. Die schönsten Momente der letztjährigen Tour habe ich dort gehabt und ich möchte das Gefühl wiederholen, wenn das überhaupt geht. Was danach kommt werde ich sehen. Diese Planlosigkeit macht mich nervös, aber wahrscheinlich bin ich noch zu sehr im getakteten Zeitkorsett des Alltags gefangen. Die Entspannung wird mit jedem Tag steigen.

Vorfreude ? Ja, sehr.

Noch einmal schlafen.