Segeln im Moor und Kulturschock

Bis 8 habe ich tief und fest geschlafen. Die Ruhe macht müde, angenehm müde.

Um 9.30 Uhr habe ich die Leine zur Boje einholt und  mich auf den Weg gemacht. Das Tagesziel ist Leeuwarden, die Hauptstadt der Friesen mit 90.000 Einwohnern.

20160704095414_IMG_8514Zunächst führte mich mein Weg aber durch die Krumme Ie. Eine kurvige Strecke durch Schilf. Gesäumt von vielen kostenlosen Anlegeplätzen der Marekrite, einem Verein, der Anlegeplätze in freier Natur aufbaut und pflegt. Eine tolle Idee, die man durch den Kauf einer Flagge für 15€ unterstützen kann. Beim nächsten Mal ist das hier bestimmt auch eine Alternative. Heute will ich aber Richtung Prinsenhof fahren, einem Teil des Naturschutzgebietes Oude Venen was zu deutsch „altes Moor“ bedeutet.

Zunächst fahre ich aber eher am Rand des Gebietes über den Fokkesleat am 20160704100735_IMG_8522Campingplatz und Ferienpark Earnewoude vorbei. Der Kanal wird nicht nur von Freizeitbooten sondern auch der Binnenschifffahrt auf dem Weg zum Prinses Margriet Kanal genutzt.

Nachdem ich den Prinses Margriet Kanal  gekreuzt habe, geht es weiter nach Wartena einem schönen kleinen friesischen Ort. An der zweiten Brücke passiert es dann: ich gebe Gas um zügig durchzufahren als die Brückenwärterin  mir den Holzschuh an der Angel für das Brückengeld zuwirft. Mist ! 20160704105436_IMG_8538.JPG Habe ich nicht mit gerechnet. So bleibe ich die 2€ mit einem bedauerdem Blick und einem „Sorry“ schuldig. Mit einem empörten Blick antwortet sie „next time“. So richtig habe ich noch nicht begriffen,  welche Brücken man zahlen muss und welche nicht.

Weiter geht es über das Aquädukt Langdeel. Super. Mit dem Boot über die Autobahn hinweg. In Deutschland kenne ich das nur mit Rollbahnen von Flughäfen die über Autobahnen verlaufen.

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Auf der weiteren Strecke finde ich drei leere Marekrite Stege die ich nutze um das Anlegen längsseits alleine zu üben. Achterleinen über den Poller und dann langsam vorwärts Gas geben. „Dann kannst Du in Ruhe die Vorleine festmachen“ gab mir der Vercharterer als Tipp fürs Einhand fahren mit auf den Weg. Beim dritten Mal hat es dann auch geklappt, vorher war ich einfach zu schnell. Bis auf schwarze Streifen vom Abrieb des Holzsteges ist zum Glück nichts weiter passiert. Besser so üben als im Ernstfall Panik bekommen.

Dannn naht auch schon Leeuwarden.

20160704120131_IMG_8547Empfohlen wurde mir der Prinsentuin.Dafür muss ich aber einmal um die ganze Stadt herumfahren. Insgesamt sind acht Brücken zu passieren. Also entscheide ich mich für den Jachthaven. Ein Fehler, wie ich kurz nach dem Passieren der ersten Brücke dorthin feststelle. Ich befinde mich mitten in einem Industriegebiet inklusive einem widerlichen Gestank. Als ich dann den Jachthaven erreiche und mir dieser auch eher suspekt erscheint, drehe ich um. Es ist erst Mittag und ich mache mich auf durch die acht Brücken. Läuft auch, bis auf eine Eisenbahnbrücke die erst zwei Züge passieren müssen, problemlos. Man fährt auf die Brücke zu und bekommt schnell das rotgrüne Signal für die Vorbereitung der Durchfahrt. Aber auch hier wieder: Gestank, Industrie und Recyclingbetriebe. Dazu noch Baustellen an Brücken und Lärm. Ich beginne zu zweifeln, ob meine Entscheidung richtig war. In der Stadt selbst ebenfalls Straßenlärm und die entsprechenden Ausdünstungen. Als dann an der vorletzten Brücke noch sage und schreibe 7€ kassiert werden ist meine Stimmung weit unten. Dann aber der Prinsentuin. Eine Art Wallgraben mit hohen Bäumen und vielen freien Liegeplätzen. Wirklich hübsch und nach dem doofen Weg kaum erwartet.

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Leider stand im Boot gleichzeitig noch Wasser, so dass ich auf den Vercharterer warten musste, der dann die defekte Warmwasserleitung schnell gefunden und repariert hatte. Nachdem das Boot trocken gelegt war konnte ich unter die dringend notwendige Dusche. Der folgende Stadtbummel fiel kurz aus, begeistert hat mich die Stadt nicht. Ich denke man kann Friesland auch besuchen, ohne in Leeuwarden gewesen zu sein.

 

 

Rush Hour und Ruhe

Nachdem ich um 11 Uhr soweit war die Abfahrt aus Heeg in Angriff zu nehmen standen auch meine beiden Helfer vom Vortag wieder parat. Klasse, wenn es so hilfsbereite Zeitgenossen gibt. Beide zogen das Boot rückwärts aus der Box, so dass ich nur noch mit dem Bugstrahlruder drehen musste. Danke und Goodbye.

20160703123549_IMG_8447Mein Weg führte mich wieder über einen klassischen friesischen Kanal,  Wijde Wijmerts, direkt nach Sneek. Aufgrund der Brückensperrung quält sich der Verkehr durch die engen Kanälen von Sneek. Es ist knifflig und eng. Letztlich habe ich es mit erhöhtem Pulsschlag aber geschafft. Später kommt mir ein großer Katamaran, wohl unterwegs auf der Stande Mastroute entgegen. Viel Spaß 😀

Weiter über das Sneeker Meer und den Prinses Margriet Kanal nach Grou. Unterwegs immer wieder das Gefühl in einer mitteldeutschen Großstadt im 20160703131956_IMG_8450Feierabend Verkehr unterwegs zu sein. Viele Boote in verschiedenen Größen und Geschwindigkeiten. Grou lasse ich an Backbord liegen obwohl der Ort und vor allem das Teehaus einen Besuch wert sein sollen und biege stattdessen in das Pikmar ab. Von da ins Peanster  Ie und dann in Sitebuoster Ie ab. Dort finde ich tatsächlich noch eine freie Marekrite Boje für die Nacht. Bei 5 Bft. ist das Einfangen der Boje nicht wirklich einfach, aber ich habe ja die Herausforderung gesucht. Trotzdem wechsele ich die Boje später nochmal, weil die andere mir noch einsamer erscheint. Ich genieße die Ruhe…allerdings erst, nachdem der letzte Motorboot Flitzer auch weggefahren ist.

Nach einem schönen Sonnenuntergang wird es eine sehr ruhige Nacht. So habe ich es mir vorgestellt.

 

Auf geht’s !

20160702_122316Das Abenteuer beginnt ! Allerdings ist die Herausforderung doch größer als geplant, denn die eigentlich gebuchte Sportina 680 war nicht ganz das was ich mir vorgestellt hatte. Okay, bei einem Charterboot erwartet man ja nicht unbedingt eine super wohnliche Atmosphäre und eine nackte Plastikschale in die nur die Polster gelegt  wurden ist auch mal prima. Doch für 2 Wochen etwas sehr dürftig. Ich habe leider gemerkt, dass ich doch schon ziemlich verwöhnt bin. Die Größe wäre okay gewesen, meine Dehlya 22 ist ja ähnlich, aber das Boot war doch arg verwohnt und von einem unangenehmen Benzingeruch durchzogen.

Bei der Frage nach Alternativen waren nur noch eine Bavaria 32 und eine Feeling  32 frei. Oops ! Das erste Mal einhand und dann gleich auch fast 10 m. Die Entscheidung fiel auf die Feeling, da sie ein Bugstrahlruder hat…Dafür aber Doppelruder.  Auch nicht ganz ohne.

20160702_145843Nach dem Ablegen kam der Regen und bei mir leichte Zweifel, ob ich noch ganz klar bin. Bei 5 Bft. alleine auf fast 10 m. Auf freiem Meer vielleicht,  aber in den engen Kanälen und den noch engeren Häfen?

Ursprünglich wollte ich in Richtung Sneeker Meer fahren. Leider ist die die Brücke in Uitwellingerga aufgrund eines Schadens gesperrt, so dass wohl der Hauptverkehr durch Sneek läuft. Mit Wartezeiten an den vielen Brücken. Also erstmal nach Heeg.

20160702_163201Hier hatte ich mir den Jachthaven Eendracht ausgeguckt. Dort angekommen, war es wie erwartet eng. Am Meldesteiger kam mir schnell ein älterer Mann von einer daneben liegenden Hallberg Rassy zu Hilfe, der sah, dass ich alleine unterwegs war. Er sprach mich sofort auf holländisch an. Meine rudimentären Sprachkenntnisse kamen schnell an ihre Grenzen, als ich ihm antworten wollte. Verstanden habe ich ihn aber trotzdem. Er erinnerte mich an die Nutzung der Mittelklampe beim Anlegen. Er würde so seit Jahren sein (viel größeres Boot) damit fahren. Stimmt ! Muss ich unbedingt probieren. Beim Hafenmeister bekam ich die Auswahl zwischen 2 Plätzen, einen mit seitlichem Ausstieg. Super ! Das ist es ! Dachte ich jedenfalls bis mir klar wurde, dass ich mit einem etwas eingeschränkt drehfreudigem Schiff unterwegs bin, das zum drehen höhere Geschwindigkeit braucht. Mit dem unbekannten Boot schnell auf die Wand, die mein seitlicher Ausstieg werden sollte zuzufahren, damit ich drehen kann? Brrr !  Dazu der Wind seitlich in der schmalen Boxengasse. Es kam wie erwartet und ich lag an die Dalben vor meiner Box gedrückt. Mist. Aber auch hier sprangen sofort, trotz Regen, zwei nette Deutsche von ihren Booten um mir zu helfen. Klasse.

Später am Abend kam der eine nochmal vorbei und fragte, wann ich denn wieder los will. Er würde gerne helfen, weil er weiß wie blöde das manchmal alleine ist. Klasse. Segler sind (meistens) hilfsbereit. Von einigen wenigen Exemplaren mal abgesehen 🙂

Abends dann noch das erfolgreiche EM-Viertelfinale per Livestream…Mit niederländischen Kommentar auch interessant

Vorfreude ?

Nur noch wenige Tage bis es los geht. Mir fallen immer wieder Dinge ein, die ich unbedingt mitnehmen muss. Keine Ahnung ob ich das Zeug wirklich brauche. Erfahrungsgemäß braucht eh man immer das, was man gerade nicht mit hat.

So stapelt sich so langsam alles mögliche im Wohnzimmer. Irgendwie muss ich aber noch priorisieren, der Stauraum auf der gecharterten Sportina 680 ist ja ziemlich begrenzt.

Aber auch die Vorfreunde wird stärker. Vorfreude ? Ist es wirklich nur Vorfreunde ? Wenn ich genau in mich rein höre ist da auch einiges an so einer Art Nervosität.

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Wie wird es sein, so ganz alleine auf dem Boot ? An den Abenden ? Beim Essen ? Mit wem kann ich meine Erlebnisse des Tages teilen ? Vor den Segelmanövern habe ich keine Sorge. Wenden, Halsen, Reffen, Ausreffen und Beidrehen mache ich sowieso oft alleine. Aber bei den Hafenmanövern konnte ich mich bisher immer auf meine eingespielte Familiencrew verlassen. Wenn es kritisch wurde, konnte ich mich voll und ganz auf das Steuern und den Überblick über den Ablauf konzentrieren.
In meiner Heimatbox auf dem Steinhuder Meer, wo ich meistens alleine unterwegs bin, ist das An- und Ablegen kein Problem. Auf bei viel Wind der „falschen Richtung“ habe ich immer noch meine passend abgelängte Achterleine die ich nur über den Dalben werfen brauche. Während das Boot noch Fahrt macht, lässig auf den Seitensteg übersteigen und das Boot mit der Hand zur Vorleine bugsieren. Das sind so meine Einhand Erfahrungen im Hafen.
Jetzt eine völlig andere Situation: keine helfende Hand, in unbekannten Häfen, mit einem unbekannten Boot.IMG_0889.JPG

Aber ist es nicht genau das, weshalb ich die Tour alleine machen will ? Erleben wo meine Grenzen sind. Nur für mich alleine entscheiden was und wie ich es mache. Dann losfahren und ankommen, wann ich möchte. Auch mal vor dem Frühstück ablegen und in den Sonnenaufgang oder -untergang segeln.

Vorfreude ? Ja, es ist Vorfreude !!!

 

 

Friesland ? Ijsselmeer ?

IMG_3656_bearbeitet-1Die Region rund um das Ijsselmeer hat seit einiger Zeit für mich die Ostsee als bevorzugtes Segelrevier abgelöst. Kleine schnuckelige Orte, die Chance bei Wetteränderungen schnell mal das Ziel der Etappe zu ändern und die entspannten Vercharterer die ich kennenlernen durfte sind für mich nur einige Punkte für die Veränderung.

Ich finde, man hat auf dem Ijsselmeer nur selten das Gefühl wirklich „Binnen“ zu segeln. Man kann problemlos Tagesetappen von 25 bis 30 Meilen absolvieren aber auch nur einen kurzen Trip in den nächsten Ort. Ideal also für Familien bei denen der Nachwuchs gerne auch mal anfängt zu quengeln, wenn es langweilig oder ungemütlich wird. Bei 6-7 Beaufort baut sich jedoch schnell eine kurze steile Welle auf, die nicht angenehm ist. Die Chance, schnell im Hafen zu sein ist manchmal Gold wert.

Segeln Ijsselmeer 2014 (368)

Eine ganz andere Erfahrung als bei Touren auf der offenen See ist das Segeln auf Kanälen . Wer es noch nicht getan hat erkennt man an dem manchmal ungläubigen Lächeln. Lautlos zwischen Feldern auf dem Wasser zu gleiten ist eine ganz andere Dimension der Fortbewegung und des Naturerlebnisses.
Die vielen alten schönen Holzboote tun ihr übriges um sich auf jeden Törn zu freuen.

Während in Deutschland noch immer über die Führerscheinfreiheit für Sportboote diskutiert wird, ist sie in unserem Nachbarland Realität. Völlig ahnungslos sollte allerdings keiner ein Boot mieten, aber das gilt für andere Reviere ja auch. Bislang habe ich noch nix davon gehört, dass auf dem Ijsselmeer mehr Schäden an Leib, Leben oder Booten entstehen als in anderen Revieren.

Vielleicht sind die Friesischen Meere und das Ijsselmeer gerade deshalb besonders geeignet für mein erstes Mal „Einhand“ ?!?

IMG_4102_bearbeitet-1Nach Jahren mit einer Reihe von Familientörns auf der Ostsee, dem Mittelmeer und dem Ijsselmeer will ich für mich die Herausforderung wagen, alles alleine an Bord zu regeln. Ohne die Anlegemanöver mit meiner eingespielten Familiencrew. Auch bei unangenehmen Bedingungen das Boot alleine beherrschen.

Was mich vor allem reizt: Jeden Tag alleine zu entscheiden wo und ob es irgendwo hingeht. Die Natur an stillen Liegeplätzen in Friesland abseits von Häfen genießen und mit mir, der Natur und dem Boot alleine zu sein. Zumindest die Illusion davon, denn wirklich außerhalb der Zivilisation ist man dort nicht wirklich.

Respekt habe ich vor allem vor den An- und Ablegen. Auf meiner Heimplatz auf dem Steinhuder Meer habe ich eine feste Achterleine, die mich in Ernstfall kurz vor dem Steg stoppt. Aber hier ? Unbekannte Liegeplätze bei womöglich ungünstigen Windverhältnissen werden meinen Blutdruck wohl steigern. Aber ich will die Herausforderung annehmen.

In den nächsten Tagen und Wochen möchte ich hier meine Gedanken und Erlebnisse während der Vorbereitung und während des Törns berichten.

Kommentare und Tipps sind immer willkommen..auf geht’s in mein persönliches Abenteuer….